1989 - Uhersky Brod - Interview - Kgl. MGV Marienchor Eupen

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1989 - Uhersky Brod - Interview

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BRF-Journalist und Musikredakteur Walter Eicher führte mit Präsident Joseph Kockartz das folgende Gespräch:

Wie kam die Reise zustande ?

Zuerst muss man als Präsident überprüfen, ob bei der überwiegenden Anzahl der Mitglieder des Chores die Bereitschaft zum gemeinsamen Erlebnis besteht. Ist eine Gruppe von 60-70 Leuten bereit, volle acht Tage zusammenzuleben unter oft schwierigen Bedingungen in Punkto Hygiene und Unterbringung? Vor allem im Ostblock…
Zum zweiten muss mindestens 80% der Sängerschaft mitmachen – bei guter Stimmverteilung.
Diese Voraussetzungen waren und sind meiner Meinung auch weiterhin beim Marienchor gegeben, um ein Unternehmen dieser Art erfolgreich durchzuführen.
Nun zum Kern Ihrer Frage: im Jahr 1985 weilte auf Einladung der Aachener „Schola Cantorum“ der Brünner Männerchor „Moravan“ in unserer Gegend, dessen Vizedirigent, Antonin Veselka, Hauptdirigent unseres Austauschchores „Dvorak“ aus Uhersky Brod, einer Stadt in der Grüße Eupens, d. h. 18 000 Einwohner.
Da der Marienchor an Austausch-Tourneen interessiert war, teilten wir dies Herrn Veselka mit, der wiederum von unserer Idee sehr angetan war.
Nach 2,5-jähriger Korrespondenz konnten wir im Oktober 1988 den gemischten Chor „Dvorak“ zu einer Belgien-Tournee empfangen. Und dies war nun unser Gegenbesuch.

Weshalb die Anreise über Wien?
Nun, die Heimat unseres Gastgeberchores ist Uhersky Brod, ca 140 km nordöstlich von Wien gelegen. Es bot sich also förmlich an, die Anreise über Passau zu führen, um anschließend zügig über Autobahn nach Wien zu kommen. So konnten wir praktisch die Tschechoslowakei von Osten nach Westen „aufrollen“.
Unsere Durchreise durch Wien haben natürlich zu einem 1,5-tägigen Aufenthalt genutzt. Schließlich wollten wir die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, diese „Musikstadt par excellence“ etwas intensiver zu besichtigen.

Hat sich dies gelohnt?
Aber sicher! Es stand uns eine sehr nette und schlagfertige Reiseführerin zur Verfügung, die uns alle Sehenswürdigkeiten dieser prächtigen Stadt zeigte. Eine Gesangseinlage im Stefansdom, ein getragenes Lied im akustisch hervorragenden Hof des Deutschen Ritterordens, wo Mozart lebte (in diesem Hof werden im Sommer oft Schubert-Kammerkonzerte veranstaltet), dann abends auf zum Heurigen in den Lauben des Beethovenhauses in Heiligenstadt, wo wir bei milder Abendtemperatur Verbrüderung mit einem gemischten amerikanischen Chor aus Philadelphia aus dem Staate Pennsylvania feierten. Am anderen Vormittag ein Besuch des Schlosses Schönbrunn. All dies war schon ein echtes Erlebnis!

Und nun zum eigentlichen Ziel der Reise, die Tschechoslowakei: wie waren die ersten Eindrücke?
Man kommt natürlich in eine andere Welt. Mit 90 Minuten Wartezeit am Grenzübergang in Bratislava(Pressburg) mit 600 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, hatten wir natürlich gerechnet. Kontrolliert wurden allerdings nur die Personalien, da unsere Ankunft den Behörden schon vorangemeldet war.
Weiter ging’s zum ersten Zielort Uhersky Brod, der Heimatstadt unseres Gastgeber-Chores.
Erste Ernüchterung beim Beziehen unserer Hotelzimmer: na ja, etwas mehr Sauberkeit und Hygiene hatten wir schon erwartet. Aber was soll’s! Die Gastfreundschaft war umso größer und die Menschen umso herzlicher. Man gab, was man zu geben hatte…

Und zur Stadt selbst?
Diese sah allerdings ziemlich „triste“ aus. Jedes Haus reparaturbedürftig. Die Bausubstanz vollkommen vernachlässigt. Kein Maurer oder Anstreicher seit 1939 - also volle 50 Jahre.

Wie war der Tagesablauf während der beiden Konzerttage in Uhersky Brod?
Am ersten Tag, also Dienstag, bestritten wir ein Gemeinschaftskonzert mit dem Dvorak-Chor in der Kulturhalle des Luftkurortes Luhacovice vor vollbesetztem Saal. Der Ort liegt etwa 15 km von Uhersky Brod entfernt. Zahlreiche Besucher wohnten diesem Konzert mit Begeisterung bei. Vor allem aus der DDR weilten viele Leute unter den Kurgästen. Dies erbrachte uns auch spontan ein Angebot zur einer Austausch-Tournee nach Dresden mit dem dortigen wohl berühmtesten Chor, den Bergfinken“ – einem 70-köpfigen Männerchor. Naja, warum nicht mal zur Semperoper nach Dresden?
Vorausgegangen waren Besuche in der berühmten Kathedrale von Kromierzisch, dem Sitz der mährischen Bischöfe – natürlich mit Gesangseinlagen, Besichtigung des dortigen Schlosses mit seinen wunderbaren Sälen, anschließend im Nachmittag Besuch der im ganzen Osten als großer Wallfahrtsort bekannten Kathedrale von Velehrad, wo die berühmten Heiligen Kyrillus und Methodus verehrt werden, zwei Brüder, die die Hl. Apostel der Slawen genannt werden. In der Tat sind es die Nationalheiligen der Slowaken, welche die Heilige Schrift vom Lateinischen ins Kyrillische übersetzten und dadurch die ganzen slawischen Völker der Christianisierung zuführten.

Und der zweite und letzte Tag in Uhersky Brod?
Dieser war ganz dem Kennenlernen der dortigen Stadt gewidmet, mit Besichtigung des Kulturhauses, Empfang durch den Direktor, offizieller Empfang durch den Bürgermeister mit Umtrunk, Besuch des Komenius-Museums, dem wohl berühmtesten Sohn der Stadt gewidmet.
Im Jahr 1592 geboren galt er als größter Humanist seiner Epoche, der vielen Völkern das Erlernen der lateinischen Sprache durch die Herausgabe entsprechender Handbücher nahe brachte.
Abends gaben wir dann ein beeindruckendes Konzert im wunderschönen Säulensaal des Comenius-Museums, der bis zum allerletzten Platz gefüllt war. Im Nachhinein großer Abschiedsabend vom Gastgeberchor mit Austausch der Geschenke. Man bot alles, was zu bieten war; immer wieder herausragend die große Herzlichkeit dieser Menschen.

Dann ging’s weiter nach Prag…

Wir sagen die „Goldene Stadt“ – die Prager sagen die „Stadt der 100 Türme“, obwohl nachweisbar mehr als 300 Türme das Stadtbild beherrschen.
Prag erlebte im 14. Jahrhundert seine Blütezeit als Residenz Karl IV. Es ist wohl eine der schönsten Städte Europas mit der herrlichen Burg auf dem Hradschin. Der St. Veitsdom, wohl einem der schönsten der Welt (1344-1385 - 41 Jahre Bauzeit!). Mehrere Gesangseinlagen ließen die hundertfachen Besucher in Andächtigkeit versinken.
Höhepunkt des Prag-Aufenthalts war wohl unser Konzert in den Treppen des Nationalmuseums am Wenzelplatz, dort wo der Prager Frühling 1968 niedergeschlagen wurde.
Die zahlreichen Zuhörer auf den Treppen sitzend, andächtig lauschend, im Beisein des Ministers für auswärtige Angelegenheiten, Aufnahme eines 40-Sekunden-spots durch das nationale, tschechische Fernsehen, noch am gleichen Abend landesweit in den Abendnachrichten verbreitet.
Anderentags Bummel durch die Stadt, freier Einkauf, von der Karlsbrücke aus märchenhaft schöner Rundblick über Moldau und zahlreiche historische Bauten, einfach unvergesslich.
Die Mühe des Organisierens hat sich gelohnt; sicherlich zur Völkerverständigung beigetragen.
Abschiedsabend in Anwesenheit des belgischen Konsuls, Herrn Rudi De Bleser. Neue Anfrage zu einem Austausch-Konzert vom Prager Lehrer-Gesangverein.

© Präsident Joseph Kockartz im Gespräch mit BRF-Journalist Walter Eicher


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