In den Mund gelegt - Kgl. MGV Marienchor Eupen

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In den Mund gelegt

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21 Fragen zu 21 Jahren Chorleitung
Im Gespräch mit Heinz Piront
Inwiefern haben Dich 21 Jahre Marienchorleitung persönlich weitergebracht?
Jede neue Aufgabe öffnet eine neue Welt, bringt weitere Erfahrungen mit sich, erweitert den Horizont, ermöglicht Begegnungen… Dies gilt gewiss auch für meine Arbeit als Chordirigent: neues Männerchorrepertoire entdeckt, viele engagierte und liebenswerte Menschen kennen gelernt, mit neuen Herausforderungen umgehen, tolle Konzerte mitgestalten, Musik leben und erleben, …
Wie hat sich Dein Bild des Chores in zwei Jahrzehnten musikalisch entwickelt?
Der Marienchor war unter dem Dirigat von Ferdinand Frings unter anderem dem ‘Opernchorgesang’ sehr zugetan. Meine musikalische und klangliche Option war das nicht.   Ich bin Anhänger eines runderen, weicheren Chorklanges, ohne Stimmenvibrato.   Außerdem bin ich ein Verfechter von textnaher Interpretation.  Auf diesen Weg haben wir, die Sänger und der Dirigent, uns begeben: es ist eine lange Entwicklung…
Wie hat sich Dein Bild des Chores in zwei Jahrzehnten sozial (Geselligkeit) entwickelt?
Die Geselligkeit und das soziale Umfeld des Marienchores waren und sind auch heute noch wichtige Eckpfeiler. In dieser Hinsicht gilt der ‘Marienchor-Verein’ gewiss als leuchtendes Beispiel!  Häufiger habe ich aus den Jahren vor meiner Dirigentenzeit « besondere Erlebnisse » erzählt bekommen.  Heute stelle ich fest, dass es mittlerweile etwas ‘braver’ und ‘ruhiger’ zugeht.
Wurden die musikalischen Ziele erreicht?
Welches waren die erreichten Ziele?
Wie schon oben angeführt war ein Hauptziel, den Chorklang weicher, ausgeglichener und runder zu gestalten. Das Repertoire in vielfacher Hinsicht zu erweitern war ebenfalls ein bedeutendes Ziel.  Es umfasste „klassische“ Männerchorkompositionen  (Werke von Schubert, Schumann, Rheinberger, Distler, Nees,…) aber auch zeitgenössische Kompositionen in zahlreichen Sprachen aus dem skandinavischen Raum, den baltischen Ländern, afrikanische Klänge und Gesänge aus den USA oder Japan. Weitere Zielr waren: die Textaussagen eines Chorwerkes hervortreten lassen, sich in Klangsphären versetzen,  Fremdes und Ungewohntes ausprobieren und kennenlernen; die Chorliteratur möglichst in Orginalsprachen aufführen. Gesang und besonders Singen im Chor sind was Besonderes, haben einen Hintergrund und auch Folgen! Singen ist für Körper und Seele heilbringend und gesund! Anlässlich der Generalversammlung habe ich beim ‚Wort des Dirigenten’ häufig teils philosophische Gedanken, Sprüche, Zitate von Komponisten und Musikern, Spirituelles, ... über die Musik und den Gesang  vorgetragen. Alle Ziele bleiben jedoch immer ‚in Arbeit’, sind nie (oder selten) vollkommen, bleiben im Wandel, ...
An welchem Repertoire-Segment hat HP einen Narren gefressen?
Im Grunde war und bin ich für vieles offen, viele ‘Chorrepertoire-Segmente’ haben ihren Reiz.  Besonders mag ich die baltische und skandinavische Chormusik. Jedoch auch Chorwerke, die auf besondere Klangwirkungen zielen, die neue musikalische Sphären eröffnen, bei denen Textaussage und Musik vollends ineinander greifen, … : Einige aktuelle Beispiele : ‘Lux aurumque’ von  Eric Whitacre // ‚Nearer, my God to thee’ im Arrangement von James L. Stevens // ‚Der Feuerreiter’ von Mathieu Neumann // ‚Stars’ von Erik Esenvalds // ...
In wieweit konntest Du Deine musikalischen Akzente vermitteln/verankern?
Bei dieser Frage verweise ich  auf die beiden vorige Fragen und Antworten. Grundsätzlich braucht man als Dirigent sehr viel Geduld, vieles muss oft wiederholt werden! Die regelmäßen Probetage (meist in Nidrum) und die Probenwochenende verstärken die übliche wöchentliche Probenarbeit ungemein.  Ein großer Gewinn für die Einstudierung oder Verfeinerung des Chorrepertoires, gleichzeitig ein bedeutender Eckpfeiler des sozialen Chorumfeldes.
Welches waren diese Akzente?
Zu den oben genannten Gedanken denke ich gerne an viele Kooperationen mit anderen Chören, Orchestern und Instrumentalensembles. Auch diese Vielfältigkeit ist für einen Männerchor bereichernd. So entstanden in den letzten 21 Jahren  immer wieder teils umfangreiche Produktionen. An einige musikalischen Partner erinnere ich: Quattro lamiere, die Kirchenchöre aus Amel und Born, der Musikverein Weywertz, das Orchester Pro Musica aus Welkenraedt, die Fanfare Musica Nova, das Philharmonische Orchester Lüttich, die Eupener Chöre, das Eupener Bläserquintett, das Ensemble Quintessenza, …
Wie war die Kohabitation mit der Musikkommission?
In all den Jahren hat die Zusammenarbeit sehr gut geklappt.  Die Musikkommission ist ja das Sprachrohr des Chores was Repertoirewünsche angeht. Zusätzlich unterstützt sie die Arbeit des Dirigenten beispielsweise in der Planung der Konzertrepertoires, knüpft Kontakte mit Konzertorganisatoren usw. Eine bewährte Institution!Daneben habe ich festgestellt, dass im Laufe meiner Amtszeit sich neben der Musikkommmission viele Sänger in andere Organisationsbereiche eingebracht haben: Vorstandsarbeit, Notenwart, Solisten, Planungsgruppen, Textschreiber, Webseitenbetreuer, Fotograf, … und die kleinen Dienste, die nicht sofort wahrgenommen werden!
In welchem Bereich/ In welchen Bereichen konnte sich der Marienchor in den Jahren deiner Chorleitung besonders entwickeln?
  • Chorklang
  • Die Bedeutung der Textaussagen im Gesang ausdrücken
  • Offenheit für zeitgenössisches (auch experimentelles) Repertoire
  • Liturgisches Verständnis bei der Mitgestaltung der Gottesdienste, Gebetszeiten, …
  • Offenheit für Kooperation mit anderen Chören oder Musikensembles
  • Die Gestaltung und Organisation von Probetagen und Probewochenenden
Welches Repertoire liegt dem Chor ganz besonders?
Harmonische, getragene und eher ruhige Chorwerke kann der Marienchor gesanglich und musikalisch gut interpretieren.  Auch das Heranwagen an rhythmische und extrovertierte Literatur wurde geschafft. Wenn die Sänger ein Chorwerk lieben  (oder es lieben gelernt haben), dann ist der Chor zu chormusikalischen Höhepunkten fähig.
’Nunc dimittis’ von Rihards Dubra: was beeindruckt Dich an diesem Stück?
  • Woran erinnert es Dich?
  • Weshalb wurde dieses Stück zu einem Favoriten?
Eigentlich gefallen mir die meisten Bibeltexte, die zu verschiedensten Anlässen vertont wurden/werden.  
‘Nunc dimittis’ – auf Deutsch „Nun lässt du [Herr, deinen Knecht]“ sind die Anfangsworte des Lobgesangs des Simeon (siehe Lk 2,21-40). Er stammt aus dem biblischen Bericht von der Darstellung des Herrn im Jerusalemer Tempel, nach dem ein sonst im Neuen Testament nicht erwähnter Simeon im Jesuskind den erwarteten Messias erkennt und damit die Erfüllung einer Verheißung, die er persönlich durch den Heiligen Geist erhalten hatte. Nach dieser Verheißung sollte er nicht sterben, bevor seine Augen den Messias gesehen haben. In den letzten 10 Jahren hatte ich das große Glück, dreimal das Land Israel bzw. Palästina zu besuchen.  Die Stadt Jerusalem und der Tempel üben ein besondere Faszination aus, von der ich mich nicht lösen möchte. Diese Erlebnisse fließen unter anderem mit in die Auswahl und Interpretation dieses Stückes ein. Außerdem bin ich ein begeisterter Anhänger und Verfechter der Chormusik aus dem Baltikum (Estland, Lettland und Litauen).  Der lettische Komponist Rihards Dubra (geb. 1964) weiß in gekonnter Weise Text und Musik zu verbinden. In 2009 hat der Marienchor mit den Eupener Chören, mit einem kleinen Instrumentalensemble und Orgel das beeindruckende ‚Te Deum’ von R. Dubra aufgeführt: für mich eine besondere Herausforderung und  ein tolles Erlebnis!
Was fehlt dem Chor?
  • Es gibt im Marienchor junge Sänger, zum Glück !  Doch  Nachwuchs müsste dem Chor beitreten und bleiben (können).
  • Ein schnelleres Probentempo wäre wünschenswert.
  • Das muss der Chor für sich selbst ausmachen.
Nenne drei Highlights und begründe kurz!
Das ist nicht so einfach! Ich nenne drei Bereiche, die mich nachhaltig geprägt haben.
  • Die Mitgestaltung von Gottesdiensten, Besinnungsstunden und religiösen Feiern bezeichne ich für mich als vielfachen Marienchorhöhepunkt.  Hier 2 Beispiele:
    - V
    or allem die seit 2003 durch den Chor gestaltete Heiligabendbesinnungsfeier im Eupener Sankt Nikolaus Hospital ist ein großes Herzensgeschenk: für die Sänger, die Kranken, die anwesenden Besucher und für mich selbst.
    - Am 26. Oktober 2017 gestaltete der Marienchor in der Eupener Bergkapelle eine besinnliche Abendstunde mit Texten und Gesängen zum Thema ‘Das Gebet’. Eine besondere spirituelle Erfahrung, ein großes Geschenk, genau 20 Jahre nach dem Beginn meines Dirigates beim Marienchor.
  • Die Chorreisen (Schwarzwald, Bregenz, Prag, Elsass/Baden): Konzertreisen lohnen sich, sind ein anzustrebendes Ziel, Kontakte untereinander pflegen, Neues entdecken, es gut haben, genießen, …
  • Die ‘einmaligen’ Konzerterlebnisse: Als Auswahl seien von den vielen Erlebnissen vier Erfahrungen genannt.
    - Das Konzert im Königspalast in Brüssel (2003) : beeindruckend das Ambiente und die Aufzeichnung durch die Fernsehanstalt VRT.
    - Das Projekt « Oedipus Rex» von Igor Strawinsky in Lüttich mit dem Philharmonischen Orchester Lüttich und dem Tanzensemble ‘Dorki Park’ : ein solch anspruchsvolles Riesenprojekt erlebt man in seiner Karriere nur      einmal.
    - Mit mehreren Ensembles haben wir Auszüge des Monumentalwerkes  « Carmina burana » von Carl Orff  singen und  exstatisch spüren dürfen!
    - Wenn bei einem Auftritt das wunderbare Chorstück ‘Angelus Domini’ von Franz Biebl klanglich perfekt klingt.  Das ist dann Emotion pur, sozusagen Himmel auf Erden!
Welche Bemerkung, welche Anekdote hast Du bis heute nicht vergessen?
Im bemerkenswerten Online-Archiv des Marienchores kann jeder eine besondere Erinnerung nachlesen.  Im Jahr 2013 gestaltete unser Chor anlässlich einer Konzertreise nach Prag in der Altstädter Kathedrale ‘St. Jacobi’ ein Hochamt mit. Die Orgelklänge der Organistin Irina Chribkova gingen in Mark und Bein!  Das Treffen mit dem Zelebrant Pater Oldrich Prachar war eine Sternstunde der Einfachheit, Emotionalität und Dankbarkeit.  Am Ende des Treffens flüsterte er mir ins Ohr : ‘Mögen Sie noch hundert Jahre dirigieren!’
Wie wichtig sind die Reisen für den Chor?
Für mich persönlich ist Reisen die vielleicht schönste Freizeitbeschäftigung. Für einen Chor / Verein ist es ein idealer Motivator, es verbindet die Mitglieder, es ist eine ‘Familienerlebnis’ par excellence.  
Welche Entwicklungen hast du in der regionalen Chorlandschaft in den letzten beiden Jahrzehnten ausgemacht?
Es ist kein Geheimnis, dass das Kulturleben in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zweifellos einmalig ist.  Und dies seit vielen Jahren ! Nichtsdestotrotz gibt auch in der unserer Chorlandschaft Veränderungen, die vor allem durch den gesellschaftlichen Wandel begründet sind: Vergreisung der Chöre, großes kulturelles Angebot, die Menschen wollen sich nicht unbedingt an einen Verein binden, der Rückgang der Kirchenchöre, usw. Manche Chöre haben ihre Aktivitäten in den letzten 20 Jahren eingestellt, andere haben sich in Chorsinggemeinschaften zusammen geschlossen. Andererseits sind neue Chorgruppen entstanden, teils eher als Projektensemble, teils um ein bestimmtes Musikgenre zu singen, … Neue Impulse, Weiterbildungen, Veranstaltungen , Stimmbildungsseminare usw. seitens der Musikakademie der DG, des Musikverbandes Födekam und des Ostbelgienfestivals sind bedeutende und erwähnenswerte Meilensteine in der regionalen Chorszene.  Davon haben die Dirigenten und Chöre sehr profitiert.
Wie sieht – ganz allgemein – die musikalische Zukunft der Chöre aus?
Eine Glaskugel habe ich nicht !
Trotz der obengenannten Veränderungen in der ostbelgischen Chorlandschaft sehe ich trotzdem nicht schwarz.
Meine persönlichen Einschätzungen sind:
Wo Menschen gerne singen, da lassen sie sich nieder.  Das Chorwesen wird überleben.
  • Chöre sollen Kooperationen eingehen, neue Wege wagen, nicht warten, bis der Chor besetzungsmäßig singunfähig wird.
  • Das Repertoire sollte vielseitig, aktuell, eine Zusammenfassung der Chortradition sein.
  • « Wer nicht wagt, … ! »
Wird es nur noch „Projekt-Management“ geben?
Ich denke, dass es Beides geben wird: Projektchöre und feste Chöre, deren Zahl aber abnehmen wird.
Hat „Tradition“ noch Zukunft?
Diese Fragestellung wäre in einem Verein ein interessantes Gesprächsthema! Im Duden steht zum Begriff ‘Tradition’ Folgendes:  ‘etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation [innerhalb einer bestimmten Gruppe] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat]’
Meine Meinung: Gerne übernehme ich (nach reiflicher Überlegung) die Ideen, Gedanken, u.ä. aus der Vergangenheit, wenn sie der heutigen Situation dienlich sind und ein zukunftsträchtiges Fundament für den Verein bilden. Zuweilen habe ich schon geäußert, dass die Menschen des Eupener Raumes in gewissen Angelegenheiten (auch im Vereinswesen) traditioneller sind als die Eifeler Bevölkerung.  Ich habe es ‚Rückspiegelmentalität’ genannt. Tradition um der Tradition willen sicher eher nicht!
Was wünschst Du dem Chor?
Ich wünsche dem Marienchor nicht ‘Alles Gute’, denn so etwas gibt es nicht. Von Herzen wünsche ich ‘Viel Gutes’ für die Zukunft : Freude am Gesang und am Miteinander, selbstverständlich genügend Nachwuchssänger, engagierte Sänger, Experimentierfreude, Konzertkooperationen, Bereitschaft zum Wagnis (in chormusikalischen Dingen), spannende Chorreisen, Enthusiasmus, … Möge es ein ‘Chor im Wandel’ bleiben.
Folgenden Irischen Segenswunsch möchte ich leicht auf den Marienchor umändern:
‚Mögen aus jedem Samen, den Du säst,
wunderschöne Blumen werden,
auf dass sich die Farben der Blüten
in Deinen Augen spiegeln und sie Dir
ein Lächeln auf Dein Gesicht zaubern.’

„Mögen aus jedem Lied, das ihr Marienchörler singt,
wunderschöne Klangteppiche werden,
auf dass sich die Farben des Chorgesangs
in Euren Augen und Herzen spiegeln und sie Euch
ein Lächeln auf Euer Gesicht und das Eurer Zuhörer zaubern.“
Wie sieht in Zukunft Dein Donnerstagabend aus?
Langweilig wird es gewiss nicht.  Es gibt Zeit für andere Dinge. Für alles gibt es eine Zeit !
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