Persönliche Beispiele - Kgl. MGV Marienchor Eupen

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Persönliche Beispiele

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Wenn bestimmte Lieder zu einem besonderen Moment werden

Einige Beispiele, bei denen nach meinem Empfinden alle Bedingungen so glücklich zusammentrafen, dass ein bestimmtes Lied zu einem besonderen Moment wurde:

Juli 1989: Wien, Stephansdom: Gruppenführung  durch den riesigen Dom, vorbei an Besuchermassen und babylonischem Stimmengewirr. Ein Kirchenraum, der Sänger herausfordert, und so stellen wir uns auf, lassen Schuberts Heilig, heilig anklingen.  Ferdinand Frings dirigiert mit sparsamer Geste, dosiert das piano, steuert den Gesang durch den Lärm hindurch, bis dieser nach und nach verstummt, bis der Gesang durch den riesigen Raum schwebt. Franz Schubert grüßt von oben, an einem seiner Originalschauplätze.


Juni 2000: Eupen, St. Nikolaus-Kirche, Tag der Musik: unter der Leitung von Robert Sarlette führen die Weywertzer Harmonie Zur Alten Linde, die Chöre Singgruppe Wirtzfeld, Carmina Viva und der Marienchor gemeinsam mit Solisten Carl Orffs Carmina Burana auf. Das Publikum dicht gedrängt, der Altarraum eng ausgefüllt mit Musikern und Instrumenten, Sonnenstrahlen zeichnen Muster durch die bunten Fenster. Der Taktstock erhebt sich, mit einem gewaltigen Schlag setzt das Orchester ein, O fortuna tost durch den Chor, nimmt dann seinen Stakkatolauf. Eine gewaltige Musik erfüllt den Raum, schlägt mühelos eine Brücke zwischen ihren mittelalterlichen Wurzeln, ihrer modernen Gestaltung Orffs  und ihrer heutigen Aufführung. Ein wahres Bad in Musik, und beim Einzelnen das Bewusstsein, Teilchen in einem mitreißenden Ganzen, Tropfen in einem gewaltigen Fluss sein zu dürfen.


Juni 1999: Aachener Kultursommer, Freilichtkonzert auf dem Katschhof: vor 500 höchst aufmerksamen Zuhörern singen wir das russische Lied vom Steppenadler, Ah ti step sirokaja, in die Abendsonne hinein, geführt durch Heinz Pironts leise Gestik.  Durch die wehmütigen Klänge und die Bilder von unendlicher Weite, die sie aufwecken, durch die leisen Summtöne hindurch, wird nicht nur der majestätische Flügelschlag des Adlers, sondern auch eine „kosmische Stille" hörbar und spürbar. Und das Publikum hält einen Moment lang inne, bevor es applaudiert.


Juli 2001: Bregenz, St. Gallus-Kirche: durch die sonnendurchflutete barocke Kirche klingt das altvertraute Gnädig und barmherzig feierlich zum Zwischengesang an, und Karl-Heinz Pelzer singt sein Bariton-Solo mit einer Innigkeit, die tief anrührt… Manche Sänger und manche Zuhörer  können hinterher nur sagen, dass sie sprachlos waren. Es ist eine besondere Stunde: kurz danach gelingt das Gleiche beim Tebe pojem und beim Deep river noch einmal.


Mai 1998: Jünglingshaus Eupen: das erste Konzert in Eupen mit dem neuen Dirigenten Heinz Piront trägt das Motto „Abendlied- ein Chor im Wandel". Das Abendlied von Willy Mommer jr. Wird zum Bindeglied zwischen der langen Geschichte des Chores und seinen neuen Zielen;  es gehört zu den Werken, mit denen wir im vorigen November die Einstufung geschafft haben. Werke von Peter Hodiamont bilden das Bühnenbild: ein Bild, ein Abendrot über zwei kahlen Bäumen an einem Weiher, verbindet sich so hervorragend mit dem Abendlied, dass wir dieses Bild im Chor nur noch „Abendlied" nennen. Um zweiten Programmteil stellen wir uns unter dem mittlerweile vertrauten Bild auf, wissen den Maler selbst im Saal. Und es erklingen die ersten Akkorde, in typischer Melancholie von Willy Mommer jr.: „Dein Wille, Herr, geschehe". Einfach ergreifend. Noch Jahre später, lebendige Erinnerung…


Es muss aber nicht ein herausragender Anlass oder Ort sein: in manchen „einfachen“ Messfeiern in der vertrauten Klosterkirche gelingen manche Lieder so gut, das sie die Kirche ausfüllen, dass sie den Chor während des Singens beflüglen. Kriestu tvojemu hat dies oftmals bewirkt, wenn Ferdinand Frings aus dem leisen, einstimmigen Anfangssatz heraus die ganze Klangfülle des vierstimmigen Isva twoje hervor zauberte, dass es der Chor und Gläubige von allen Seiten einhüllte, und als brausender Lobgesang himmelwärts drängte…
Und heute bewirkt César Francks Ave Maria dies, wenn unter den Händen von Heinz Piront aus den düsteren Anfangsklängen des „Ave“ heraus beim hellen „Ora pro nobis“ langsam und stetig ein Licht aufgeht…
Die Auswahl der Beispiele ist natürlich subjektiv. Aber ein jeder Sänger, ein jeder Zuhörer, der mit Gänsehaut auf Musik antworten kann, wird mühelos seine eigenen Erinnerungen aufleben lassen können.
Vieles wandelt sich ständig: Sänger kommen und gehen? Dirigenten folgen einander, Konzertfahrten führen zu neuen Orten und Begegnungen, das Repertoire entwickelt sich weiter.  Vielleicht ist die Gänsehaut das Beständigste, jenseits aller Veränderungen? Solange der Marienchor es versteht, Gänsehaut hervorzurufen, stimmt auch der Geist im Chor, wird er immer wieder neu beflügelt.


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